Empirische Analyse einsatzbezogener Kontextfaktoren bei polizeilichen Schusswaffeneinsätzen mit Todesfolge: Ein Vergleich von Fällen mit und ohne Hinweise auf einen psychischen Ausnahmezustand der erschossenen Person

Zusammenfassung Aufgrund des hohen Letalitätsrisikos dürfen Polizist*innen in Deutschland ihre Schusswaffe nur in äußersten Notfällen einsetzen. Gleichzeitig weisen internationale und nationale Studien darauf hin, dass sich ein hoher Anteil polizeilich erschossener Personen in einem psychischen Ausnahmezustand (pA) befand. Es wird hierbei kritisiert, dass die Polizei das Bedingungsgefüge für aggressive Handlungen bei psychisch erkrankten Personen nur unzureichend berücksichtigt. Insbesondere für den deutschsprachigen Raum ist der diesbezügliche Forschungsstand allerdings defizitär. Auf Basis von Presseberichten und eines inhaltsanalytischen Kategoriensystems erfolgte eine Auswertung von 145 polizeilichen Schusswaffeneinsätzen mit Todesfolge, die in der Cilip-Fallsammlung des Instituts für Bürgerrechte & öffentliche Sicherheit e.V. für die Jahre 2015 bis 2025 registriert waren. In 69 % der Fälle konnten Hinweise auf einen pA bei der erschossenen Person festgestellt werden. Ein Vergleich von Konstellationen mit und ohne pA verwies auf systematische Unterschiede bei einsatzbezogenen Kontextfaktoren. Die Ergebnisse stützen die Sicht, dass Personen in einem pA aufgrund einer mutmaßlich vorliegenden psychischen Störung in ein kognitiv-emotionales Überforderungserleben geraten können, welches der Wahrung eigener Interessen auf Basis rationaler Kosten-Nutzen-Abwägungen entgegensteht. Daher verfehlt ein dominant-lautstarkes und vorrangig auf Übermacht ausgerichtetes Verhalten der Polizei ggf. seine Wirkung. Vielmehr kann es sogar verhängnisvolle Eskalationsprozesse befördern, weshalb in solchen Situationen andere kommunikative Strategien notwendig werden. Die erzielten Erkenntnisse können für die Entwicklung und das gezielte Training von Einsatzszenarien mit bewaffneten Personen in einem pA genutzt werden, um Polizist*innen besser vorzubereiten. Weitere Untersuchungen unter Einbezug zusätzlicher Datenquellen können dazu beitragen, die Dynamik eskalativer Einsatzverläufe noch tiefgreifender zu verstehen und diesen präventiv zu begegnen.

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Publication Details

Journal
Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform
Published
2026-10-09
DOI
https://doi.org/10.1515/mks-2026-0026
Primary Topic
Policing Practices and Perceptions
Type
article
Field-Weighted Citation Impact
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article

Empirische Analyse einsatzbezogener Kontextfaktoren bei polizeilichen Schusswaffeneinsätzen mit Todesfolge: Ein Vergleich von Fällen mit und ohne Hinweise auf einen psychischen Ausnahmezustand der erschossenen Person

Karoline Ellrich, Jürgen Biedermann
Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform
Policing Practices and Perceptions
article

Empirische Analyse einsatzbezogener Kontextfaktoren bei polizeilichen Schusswaffeneinsätzen mit Todesfolge: Ein Vergleich von Fällen mit und ohne Hinweise auf einen psychischen Ausnahmezustand der erschossenen Person

Karoline Ellrich, Jürgen Biedermann
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Abstract

Zusammenfassung Aufgrund des hohen Letalitätsrisikos dürfen Polizist*innen in Deutschland ihre Schusswaffe nur in äußersten Notfällen einsetzen. Gleichzeitig weisen internationale und nationale Studien darauf hin, dass sich ein hoher Anteil polizeilich erschossener Personen in einem psychischen Ausnahmezustand (pA) befand. Es wird hierbei kritisiert, dass die Polizei das Bedingungsgefüge für aggressive Handlungen bei psychisch erkrankten Personen nur unzureichend berücksichtigt. Insbesondere für den deutschsprachigen Raum ist der diesbezügliche Forschungsstand allerdings defizitär. Auf Basis von Presseberichten und eines inhaltsanalytischen Kategoriensystems erfolgte eine Auswertung von 145 polizeilichen Schusswaffeneinsätzen mit Todesfolge, die in der Cilip-Fallsammlung des Instituts für Bürgerrechte & öffentliche Sicherheit e.V. für die Jahre 2015 bis 2025 registriert waren. In 69 % der Fälle konnten Hinweise auf einen pA bei der erschossenen Person festgestellt werden. Ein Vergleich von Konstellationen mit und ohne pA verwies auf systematische Unterschiede bei einsatzbezogenen Kontextfaktoren. Die Ergebnisse stützen die Sicht, dass Personen in einem pA aufgrund einer mutmaßlich vorliegenden psychischen Störung in ein kognitiv-emotionales Überforderungserleben geraten können, welches der Wahrung eigener Interessen auf Basis rationaler Kosten-Nutzen-Abwägungen entgegensteht. Daher verfehlt ein dominant-lautstarkes und vorrangig auf Übermacht ausgerichtetes Verhalten der Polizei ggf. seine Wirkung. Vielmehr kann es sogar verhängnisvolle Eskalationsprozesse befördern, weshalb in solchen Situationen andere kommunikative Strategien notwendig werden. Die erzielten Erkenntnisse können für die Entwicklung und das gezielte Training von Einsatzszenarien mit bewaffneten Personen in einem pA genutzt werden, um Polizist*innen besser vorzubereiten. Weitere Untersuchungen unter Einbezug zusätzlicher Datenquellen können dazu beitragen, die Dynamik eskalativer Einsatzverläufe noch tiefgreifender zu verstehen und diesen präventiv zu begegnen.

Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform
Hochschule für Polizei Baden-Württemberg (DE), Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg (DE)
Openalex Percentile: Top 4%
Policing Practices and Perceptions
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