‘Lebensborn’ als institutionelle Störung kultureller Gedächtnisbildung. Zum Roman Die Verwandelten von Ulrike Draesner

In diesem Beitrag wird Ulrike Draesners Die Verwandelten als literarische Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Lebensborn-Programm gelesen. Anders als Ansätze, die Lebensborn vor allem im Horizont von Trauma und transgenerationaler Weitergabe verorten, rückt er die Institution als Störung kultureller Gedächtnisbildung in den Mittelpunkt. Der Beitrag argumentiert, dass Lebensborn nicht als erinnerbares Ereignis erscheint, sondern als bürokratische Praxis, die durch Umbenennung, genealogische Trennung und administrative Dokumentation die Bedingungen narrativer Erinnerung systematisch unterläuft. Im Rückgriff auf Konzepte der Affect Theory (Brian Massumi, Sara Ahmed) wird der der affektiven Residualität eingeführt. Er bezeichnet jene Form des Nachwirkens, die dort entsteht, wo Erinnerung nicht erzählbar wird und dennoch nicht verschwindet. Der Roman lässt sich so weniger als Darstellung eines historischen Geschehens lesen, denn als Analyse einer Struktur, die Erinnerung zugleich hervorbringt und blockiert. Die Close Readings zentraler Lebensborn-Passagen zeigen, dass Vergangenheit im Text nicht als verdrängte Erinnerung erscheint, sondern als körperlich-affektive Intensität. An die Stelle von Familienerzählungen tritt Aktenwissen, an die Stelle von Kontinuität eine administrativ erzeugte Fragmentierung. Der Beitrag argumentiert damit, dass Erinnerung hier nicht fehlt, sondern institutionell verunmöglicht wird. Trauma erscheint entsprechend nicht als verdrängte Erinnerung, sondern als ein Residuum, das sich der narrativen Form entzieht und gerade darin wirksam bleibt.

Authors

Institutions

Publication Details

Journal
Oxford German Studies
Published
2026-10-07
DOI
https://doi.org/10.1080/00787191.2026.2717748
Primary Topic
Memory, History, Trauma, Identity
Type
article
Field-Weighted Citation Impact
0.00
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article

‘Lebensborn’ als institutionelle Störung kultureller Gedächtnisbildung. Zum Roman Die Verwandelten von Ulrike Draesner

Monika Wolting, Anna Kastelik
Oxford German Studies
Memory, History, Trauma, Identity
article

‘Lebensborn’ als institutionelle Störung kultureller Gedächtnisbildung. Zum Roman Die Verwandelten von Ulrike Draesner

Monika Wolting, Anna Kastelik
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Abstract

In diesem Beitrag wird Ulrike Draesners Die Verwandelten als literarische Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Lebensborn-Programm gelesen. Anders als Ansätze, die Lebensborn vor allem im Horizont von Trauma und transgenerationaler Weitergabe verorten, rückt er die Institution als Störung kultureller Gedächtnisbildung in den Mittelpunkt. Der Beitrag argumentiert, dass Lebensborn nicht als erinnerbares Ereignis erscheint, sondern als bürokratische Praxis, die durch Umbenennung, genealogische Trennung und administrative Dokumentation die Bedingungen narrativer Erinnerung systematisch unterläuft. Im Rückgriff auf Konzepte der Affect Theory (Brian Massumi, Sara Ahmed) wird der der affektiven Residualität eingeführt. Er bezeichnet jene Form des Nachwirkens, die dort entsteht, wo Erinnerung nicht erzählbar wird und dennoch nicht verschwindet. Der Roman lässt sich so weniger als Darstellung eines historischen Geschehens lesen, denn als Analyse einer Struktur, die Erinnerung zugleich hervorbringt und blockiert. Die Close Readings zentraler Lebensborn-Passagen zeigen, dass Vergangenheit im Text nicht als verdrängte Erinnerung erscheint, sondern als körperlich-affektive Intensität. An die Stelle von Familienerzählungen tritt Aktenwissen, an die Stelle von Kontinuität eine administrativ erzeugte Fragmentierung. Der Beitrag argumentiert damit, dass Erinnerung hier nicht fehlt, sondern institutionell verunmöglicht wird. Trauma erscheint entsprechend nicht als verdrängte Erinnerung, sondern als ein Residuum, das sich der narrativen Form entzieht und gerade darin wirksam bleibt.

Oxford German Studies
University of Wrocław (PL)
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Memory, History, Trauma, Identity
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