Kritischer Klassizismus. Revision und Neubestimmung kanonisierter Traditionsvorstellungen in Johann Christoph Gottscheds Komödienkonzept
Das Innovative an J. Ch. Gottscheds Theaterpoetik beruht u. a. auf der Neubewertung der literarischen Tradition. Die Positionierung in der Kultur der Gegenwart erfolgt auch durch Kanonisierung von Bezugsautoren und Aufwertung von kongenialen Vorgängerfiguren. Die in einer solchen Wertsetzung implizite autoritative Tendenz wird durch Gottscheds wirkungstheoretischen Ansatz relativiert, bei dem die Effektivität eines dramatischen Werkes weniger nach einem abstrakten Erkenntnismodell als vielmehr nach dem kognitiven Mehrwert ermessen wird, den es dem Zuschauer einbringt. Durch die Gattung Komödie, um die sich Gottsched sowohl auf theoretischer Ebene als auch durch die Auswahl von Stücken mit Vorbildcharakter bemüht (wie z. B. in der zwischen 1741 und 1745 herausgegebenen Deutschen Schaubühne in 6 Bänden), erlebt das Publikum einen Zuwachs an sozialer Kompetenz über die Anprangerung einer komischen Figur, die Gegenstand kollektiven Verlachens ist. Das Unzulängliche an der Verhaltensweise des Protagonisten gibt sich an dessen Unwissen um allgemein anerkannte Praktiken, mit denen er nicht vertraut ist. Dabei orientiert sich Gottsched als Theatertheoretiker nicht an affirmativen Sittenvorstellungen mit Absolutheitsanspruch, sondern bindet die Moralkonstrukte, die sich aus der inszenierten Handlung ergeben, fest an die Materialität der Praxis an. Hier liegt die Absage an typisierte komische Figuren wie Harlekin und Hanswurst begründet, bei denen das Stereotype die soziale Bedingtheit ihres Handelns unkenntlich macht.
Authors
- Maurizio Pirro (ORCID: https://orcid.org/0000-0003-4587-7570)
Institutions
- University of Milan (IT)
Publication Details
- Journal
- Oxford German Studies
- Published
- 2026-09-28
- DOI
- https://doi.org/10.1080/00787191.2025.2594456
- Primary Topic
- German Literature and Culture Studies
- Type
- article
- Field-Weighted Citation Impact
- 0.00