Die praktische Herstellung von (Un-)Zugänglichkeit des Sozialstaats durch Soziale Arbeit: das Beispiel der Sozial- und Familienberatung
Zusammenfassung Der Beitrag beleuchtet die Rolle der Sozialen Arbeit als Akteur der Herstellung von (Un-)Zugänglichkeit in den Systemen sozialer Mindestsicherung. Dazu werden die Ergebnisse einer qualitativen empirischen Studie zur Allgemeinen Sozial- und Familienberatung vorgestellt. Darin wurde untersucht, wie Sozialarbeiter*innen zwischen Sozialverwaltung und Lebenswelten der Adressat*innen vermitteln, wie sie Wissens- und Machtasymmetrien bearbeiten, und inwieweit Sozialarbeiter*innen strukturelle Probleme vor Ort zum Gegenstand politischen Handelns machen. Die empirische Basis bilden 21 Expert*inneninterviews mit Fachkräften der Sozial- und Familienberatung. Konzeptionell wird Soziale Arbeit als Grenzbearbeitung verstanden, also als konstitutiv widersprüchliche Herstellungspraxis von Inklusion und Exklusion. Auf dieser Grundlage gibt der Beitrag empirische Einblicke in die praktische Herstellung von Zugänglichkeit und deren Ambivalenzen. Erstens wird dargelegt, dass die Dienstleistungsbeziehung in der Sozial- und Familienberatung durch ihre lebensweltliche Nähe eine herausgehobene Bedeutung für die Adressat*innen hat. Diese Beziehung wird jedoch durch Passungs- und Zugangsprobleme, wie bspw. fehlende Erreichbarkeiten der Behörden, überlastet und unterminiert. Fragen der unmittelbaren Existenzsicherung drohen professionelle Beratungsdienstleistungen in den Hintergrund zu drängen. Zweitens agieren die Sozialarbeiter*innen vermittelnd in sozialräumlichen, interorganisationalen und rechtskreisübergreifenden Hilfenetzwerken. Zum einen bilden diese Netzwerke soziale Arenen, in denen strukturelle Probleme vor Ort politisiert werden können. Soziale Arbeit kann dort auf Basis ihres Wissens aus der täglichen Arbeit Einfluss auf allgemeine Problemdefinitionen und -lösungen nehmen. Doch die Einflussmöglichkeiten im Zusammenspiel mit machtvollen Akteuren sind begrenzt. Zum anderen werden auch Tendenzen zur Deprofessionalisierung sichtbar. Insgesamt zeigt sich, dass die Adressierung von Sozialer Arbeit als Instanz der Herstellung von Zugänglichkeit im Sozialstaat als ambivalent, prekär und reflexionsbedürftig angesehen werden muss.
Authors
- Christian Gräfe (ORCID: https://orcid.org/0009-0003-7424-2184)
- Simone Leiber
- Nils Wenzler
Institutions
- University of Duisburg-Essen (DE)
Publication Details
- Journal
- Zeitschrift für Sozialreform
- Published
- 2026-09-04
- DOI
- https://doi.org/10.1515/zsr-2026-0005
- Primary Topic
- Sociology and Education Studies
- Type
- article
- Field-Weighted Citation Impact
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