Über Leben
Im Zentrum dieser Arbeit steht die Frage nach der fundamentalen Differenz zwischen Leben und unbelebter Materie. Die hier entwickelte These postuliert, dass diese Differenz nicht in einer bestimmten Substanz, sondern in einer spezifischen Form prozessualer Organisation zu finden ist. Leben, so die Argumentation, entsteht an jenem Punkt, an dem Systeme von der passiven Dissipation von Energiegradienten zu einer aktiven Aufrechterhaltung ihrer eigenen organisationalen constraints übergehen. Der erste Teil, Genesis, legt diesen Gedanken theoretisch dar. Er entwickelt aus der Synthese von Prozess, Relation und constraint eine Alternative zu mechanistischen und vitalistischen Ansätzen. Die einzigartigen Eigenschaften des Lebens, wie etwa intrinsische Zweckgerichtetheit (Teleologie), werden als emergentes Resultat selbstreferenzieller Dynamiken verstanden. Dies mündet im Konzept des self-constraint, einem Zustand, in dem sich gekoppelte selbstorganisierende Prozesse gegenseitig stabilisieren und so ihr Fortbestehen fernab des Equilibrium sichern. Der zweite Teil, Paradox, widmet sich den philosophischen Implikationen dieses Ansatzes. Es wird ein skaleninvariantes Muster herausgearbeitet, eine wiederkehrende Sequenz aus Wachstum, Störung und Reorganisation, das sich von der molekularen Ebene bis hin zu Ökosystemen zeigt. Diese Dynamik wird als eine prozessuale Logik formalisiert, die als Zyklische Synthese bezeichnet wird. Sie erklärt, wie Kohärenz aus der zeitlichen Koordination gegensätzlicher Kräfte erwächst und Paradoxien durch prozessuale Perspektiven aufhebt. Der abschließende Teil, Diskontinuität, wendet sich der Frage von Skalierung und Komplexität zu. Zu Beginn wird die Differenz zwischen lebendigen Systemen und Computersystemen herausgearbeitet. Dann wird argumentiert, dass sich differenzierbare Organisationsebenen in lebendigen Systemen herausbilden, stabile Domänen, die durch systematische Exklusion definiert und durch die energetische Arbeit aktiv aufrechterhalten werden. Die Arbeit schließt mit einer Reinterpretation wissenschaftlicher Modellierung als einen Akt der Selektion. Plädiert wird für eine Praxis der Partialität, die Wissen nicht als statische Repräsentation, sondern als eine dynamische, verkörperte und zyklische Errungenschaft begreift.
Authors
- Paul Poledna
Publication Details
- Journal
- University of Vienna
- Published
- 2026-06-29
- DOI
- https://doi.org/10.25365/thesis.81296
- Primary Topic
- Origins and Evolution of Life
- Type
- article
- Field-Weighted Citation Impact
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