Infektiöse Lungenerkrankungen im Zeitalter der Präzisionsmedizin: Biomarker, Phänotypen und neue Therapien

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Kolleginnen und Kollegen,infektiöse Lungenentzündungen spielen in vielen Bereichen der Medizin eine große Rolle, insbesondere im Kontext von modernen Therapieverfahren bei Tumor- und Autoimmunerkrankungen, von Transplantationen, intensivstationären Therapien und allgemein steigender Lebenserwartung. Sie verursachen hohe Morbidität und Mortalität. Akut können sie zu respiratorischem Versagen mit und ohne Entwicklung eines akuten Lungenversagens (acute respiratory distress syndrome, ARDS) sowie zu septischem Schock führen. Postakut tragen sie zur Entstehung und Aggravierung pulmonaler und extrapulmonaler Organdysfunktion bei, wobei besonders kardiovaskuläre, neurologische, psychiatrische und renale Folgen aktuell im Fokus sind und abhängig vom Schweregrad der akuten Infektionserkrankung mit steigender Häufigkeit auftreten. Besonders ältere und komorbide Menschen erleiden häufig eine Zunahme der Gebrechlichkeit in der Folge einer infektiösen Lungenentzündung.Ärztliches Tun sollte auf die Verhinderung von Krankheiten ausgerichtet sein. Viele schwere infektiöse Lungenerkrankungen können durch Impfungen verhindert werden. Vulnerable Menschen darauf hinzuweisen und ihnen Impfangebote zu machen, ist daher eine vordringliche ärztliche Aufgabe.Zur Pathophysiologie infektiöser Lungenerkrankungen tragen die ursächlichen Erreger zentral bei. Eine frühe kalkulierte oder gar gezielte Therapie ist daher erstrebenswert, jedoch führt Übertherapie zu unerwünschten Wirkungen, und Pathogendiagnostik ist im Allgemeinen durch geringe Sensitivität und zeitliche Verzögerung gekennzeichnet.Darüber hinaus aktivieren die Pathogene in der Lunge das Immunsystem. Die Immunabwehr attackiert die Erreger, um ihre Ausbreitung zu verhindern, führt mitunter aber zu relevanter Entzündung mit Integritäts- und Funktionsverlust des höchst vulnerablen Lungengewebes und in der Folge zu Lungenödem, Ventilations-/Perfusions-Mismatch und schließlich zu Gasaustauschstörung. Darüber hinaus können systemische Folgen der infektiösen Lungenentzündung und Immunaktivierung zu Sepsis und septischem Schock führen. Es ist daher naheliegend, immunsuppressiv zu therapieren, um schwerwiegende Folgen der pulmonalen Infektion zu reduzieren. Glukokortikoide beispielsweise reduzieren die Expression und Freisetzung von proinflam­matorischen Zytokinen, Adhäsionsmolekülen und Komplementkomponenten. Tatsächlich ist die supportive Therapie mit systemischen Steroiden bei einigen pulmonalen Infektionen anerkannter Therapiestandard, wie beispielsweise bei infektexazerbierten obstruktiven Lungenerkrankungen, Pneumocystis-jirovecii-Pneumonie und septischem Schock. Jedoch ist die aktuelle Datenlage zur Gabe von Steroiden bei der Pneumonie allgemein heterogen und komplex und bei einigen Formen der Pneumonie (z.B. Influenza) sind Steroide nach aktueller Auffassung kontraindiziert. Auch die Wahl des Steroidpräparates ist herausfordernd.In der vorliegenden Ausgabe des Kompass Pneumologie wird deshalb die derzeitige Kortikosteroid-Therapiestrategie bei ambulant erworbener Pneumonie bei Erwachsenen im Review von Seitaro Fujishima in deutscher Übersetzung übersichtlich zusammengefasst. Des Weiteren wird in zwei Wissenstransfers ein Schlaglicht auf die große Bedeutung der Infektionen durch das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) geworfen. Seit August 2024 empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) die aktive Impfung gegen RSV für Personen ab 60 Jahren, die schwere Vorerkrankungen haben oder im Pflegeheim wohnen, sowie für alle Personen ab einem Alter von 75 Jahren. Die Impfquote ist allerdings für RSV genauso wie für andere Erreger von Lungenentzündungen (z.B. Pneumokokken, Influenza, SARS-CoV-2) zu gering. Und schließlich lenkt ein spannendes Fallbeispiel in der Rubrik «Erfahrung aus der Praxis» unsere Aufmerksamkeit darauf, dass insbesondere bei immunsupprimierten Menschen gleichzeitig mehrere Pathogene zur infektiösen Lungenentzündung beitragen können.Bei der spannenden und lehrreichen Lektüre wünsche ich Ihnen viel Freude.IhrProf. Dr. Martin Witzenrath

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Publication Details

Journal
Kompass Pneumologie
Published
2026-02-13
DOI
https://doi.org/10.1159/000550327
Primary Topic
Pediatric health and respiratory diseases
Type
article
Field-Weighted Citation Impact
0.00
Controls
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article

Infektiöse Lungenerkrankungen im Zeitalter der Präzisionsmedizin: Biomarker, Phänotypen und neue Therapien

Martin Witzenrath
Kompass Pneumologie
Pediatric health and respiratory diseases
article

Infektiöse Lungenerkrankungen im Zeitalter der Präzisionsmedizin: Biomarker, Phänotypen und neue Therapien

Martin Witzenrath
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Abstract

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Kolleginnen und Kollegen,infektiöse Lungenentzündungen spielen in vielen Bereichen der Medizin eine große Rolle, insbesondere im Kontext von modernen Therapieverfahren bei Tumor- und Autoimmunerkrankungen, von Transplantationen, intensivstationären Therapien und allgemein steigender Lebenserwartung. Sie verursachen hohe Morbidität und Mortalität. Akut können sie zu respiratorischem Versagen mit und ohne Entwicklung eines akuten Lungenversagens (acute respiratory distress syndrome, ARDS) sowie zu septischem Schock führen. Postakut tragen sie zur Entstehung und Aggravierung pulmonaler und extrapulmonaler Organdysfunktion bei, wobei besonders kardiovaskuläre, neurologische, psychiatrische und renale Folgen aktuell im Fokus sind und abhängig vom Schweregrad der akuten Infektionserkrankung mit steigender Häufigkeit auftreten. Besonders ältere und komorbide Menschen erleiden häufig eine Zunahme der Gebrechlichkeit in der Folge einer infektiösen Lungenentzündung.Ärztliches Tun sollte auf die Verhinderung von Krankheiten ausgerichtet sein. Viele schwere infektiöse Lungenerkrankungen können durch Impfungen verhindert werden. Vulnerable Menschen darauf hinzuweisen und ihnen Impfangebote zu machen, ist daher eine vordringliche ärztliche Aufgabe.Zur Pathophysiologie infektiöser Lungenerkrankungen tragen die ursächlichen Erreger zentral bei. Eine frühe kalkulierte oder gar gezielte Therapie ist daher erstrebenswert, jedoch führt Übertherapie zu unerwünschten Wirkungen, und Pathogendiagnostik ist im Allgemeinen durch geringe Sensitivität und zeitliche Verzögerung gekennzeichnet.Darüber hinaus aktivieren die Pathogene in der Lunge das Immunsystem. Die Immunabwehr attackiert die Erreger, um ihre Ausbreitung zu verhindern, führt mitunter aber zu relevanter Entzündung mit Integritäts- und Funktionsverlust des höchst vulnerablen Lungengewebes und in der Folge zu Lungenödem, Ventilations-/Perfusions-Mismatch und schließlich zu Gasaustauschstörung. Darüber hinaus können systemische Folgen der infektiösen Lungenentzündung und Immunaktivierung zu Sepsis und septischem Schock führen. Es ist daher naheliegend, immunsuppressiv zu therapieren, um schwerwiegende Folgen der pulmonalen Infektion zu reduzieren. Glukokortikoide beispielsweise reduzieren die Expression und Freisetzung von proinflam­matorischen Zytokinen, Adhäsionsmolekülen und Komplementkomponenten. Tatsächlich ist die supportive Therapie mit systemischen Steroiden bei einigen pulmonalen Infektionen anerkannter Therapiestandard, wie beispielsweise bei infektexazerbierten obstruktiven Lungenerkrankungen, Pneumocystis-jirovecii-Pneumonie und septischem Schock. Jedoch ist die aktuelle Datenlage zur Gabe von Steroiden bei der Pneumonie allgemein heterogen und komplex und bei einigen Formen der Pneumonie (z.B. Influenza) sind Steroide nach aktueller Auffassung kontraindiziert. Auch die Wahl des Steroidpräparates ist herausfordernd.In der vorliegenden Ausgabe des Kompass Pneumologie wird deshalb die derzeitige Kortikosteroid-Therapiestrategie bei ambulant erworbener Pneumonie bei Erwachsenen im Review von Seitaro Fujishima in deutscher Übersetzung übersichtlich zusammengefasst. Des Weiteren wird in zwei Wissenstransfers ein Schlaglicht auf die große Bedeutung der Infektionen durch das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) geworfen. Seit August 2024 empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) die aktive Impfung gegen RSV für Personen ab 60 Jahren, die schwere Vorerkrankungen haben oder im Pflegeheim wohnen, sowie für alle Personen ab einem Alter von 75 Jahren. Die Impfquote ist allerdings für RSV genauso wie für andere Erreger von Lungenentzündungen (z.B. Pneumokokken, Influenza, SARS-CoV-2) zu gering. Und schließlich lenkt ein spannendes Fallbeispiel in der Rubrik «Erfahrung aus der Praxis» unsere Aufmerksamkeit darauf, dass insbesondere bei immunsupprimierten Menschen gleichzeitig mehrere Pathogene zur infektiösen Lungenentzündung beitragen können.Bei der spannenden und lehrreichen Lektüre wünsche ich Ihnen viel Freude.IhrProf. Dr. Martin Witzenrath

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