Investitionspaket Infrastruktur in Zeiten der Bildungsmisere
Die Notwendigkeit, durch den deutschen Staat deutlich mehr Finanzmittel für die Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, wurde nach jahrelanger Diskussion erkannt und bekanntlich über das Sondervermögen Infrastruktur mittels Schuldenaufnahme in kaum noch zu fassender Dimension angegangen. Die vorherigen Jahre guten Wirtschaftswachstums hat man leider verpasst, aber klar, der Mensch handelt oft erst dann, wenn es gar nicht mehr anders geht. Insbesondere die Brückenschäden in allen Landesteilen haben den zwingenden Bedarf auch für die Öffentlichkeit deutlich gemacht. Die Bauingenieure sollten sich freuen – neben den anstehenden Aufgaben im Hochbau, insbesondere im Wohnungsbau, stehen zahlreiche Projekte zu Eisenbahn- als auch Straßenbrücken an. Und trotzdem muss man bei rationaler Betrachtung Wasser in den Wein gießen, denn die Finanzpakete treffen auf eine Zeit der Fachkräfteknappheit. Das betrifft die Projektvorbereitung über die Baulastträger und Planungsfirmen mit ihren Projektingenieuren genauso wie die ausführenden Firmen mit ihren Projektleitern und Facharbeitern. Wie sollen die zahlreichen Brückenbauprojekte gemeistert werden, wenn überall Fachleute fehlen? Man kann heute schon prognostizieren, dass dies zu deutlich kostenintensiveren Maßnahmen führen und nur hoffen, dass es nicht zu Bauschäden oder gar zu sicherheitsrelevanten Fehlern kommen wird. Warum fehlen eigentlich die Ingenieure und Ingenieurinnen? Warum spart man konsequent weiter an der größten Ressource, die Deutschland hat(te), der Bildung der Menschen? Hier kann man, selbst wenn man dies wollte, nicht von heute auf morgen umsteuern – Bildung braucht Zeit. Das Bedenklichste ist, dass dies mit langjähriger Ansage passiert. Ausgehend von einem bereits niedrigen Niveau war ein permanenter Rückgang der Finanzmittel für die Lehre in den letzten 20 Jahren (meiner Professorenzeit an der Universität) zu verzeichnen. Das zeigt sich in der Streichung oder Nichtbesetzung ganzer Lehrstühle, aber auch in der Reduzierung der Stellen der für die Lehre zentralen wissenschaftlichen Mitarbeiter/innen. Der Einsparwahn betrifft aber offenbar auch bereits die Schulen, denn für manche Studierende ist der an der Universität vorauszusetzende mathematisch-naturwissenschaftliche Abiturstoff leider neu. Man muss sich also nicht wundern, dass sich manche ein Studium in einem MINT-Fach nicht mehr zutrauen, was sich dann in der Abnahme der Studienanfänger ausdrückt. Als wäre das nicht schon schwierig genug, kommen auch noch strukturelle universitätsinterne Probleme hinzu. An den Bauingenieurfakultäten schließen manche Absolventen/innen ab, die zwar Projekte steuern wollen, allerdings den fachlichen Inhalt dieser Projekte nicht mehr einschätzen können. Diese Verantwortung liegt einzig in der Hand der Professoren/innen, die bekanntermaßen für Lehre und Forschung berufen werden. Allerdings ist der elitäre und von Leitungen teils geforderte Ansatz, sich hauptsächlich auf die Forschung zu konzentrieren, zu diskutieren. Diese Elfenbeinturm-Mentalität führt inzwischen zur auch in Deutschland verbreiteten Fehlentwicklung, dass konstruktive Lehrstühle wie Massiv- und Stahlbau oder Grundbau nur noch mit reinen Wissenschaftlern besetzt werden sollen. In den Auswahlverfahren haben essenziell wichtige Praxisjahre keine Bedeutung mehr. Wie soll aber ein reiner Wissenschaftler die erforderliche Ausbildung von Ingenieuren/innen kennen und umsetzen? Und wie sollen das später die Firmen alles durch jahrelange Einarbeitung richten, wo sie doch eh schon so starken Aufgabendruck mit immer weniger Fachleuten haben? Die Fragen bleiben offen – Irgendwann wird man merken, dass man die schulische als auch universitäre Bildung nicht vernachlässigen darf, da sich dies unter anderem in den Ergebnissen für die anstehenden Infrastrukturprojekte ausdrücken wird. Bis dahin werden die fachlich versierten Personen die zahlreichen Projekte richten müssen. Eines darf aber auf keinen Fall in Frage gestellt werden – das Vieraugen-Prinzip hinsichtlich der Standsicherheit. Die Tätigkeit der Prüfingenieure/innen wird unter vorgenannten Randbedingungen immer wichtiger, dies muss ich aus eigener Erfahrung betonen. Man kann ein Problem natürlich auch als Herausforderung ansehen und sich auf die Lösung freuen. Bleiben wir also zuversichtlich, die umfangreich anstehenden Herausforderungen im Brückenbau zu meistern. Prof. Dr.-Ing. Karsten Geißler [email protected] Prof. Dr.-Ing. Karsten Geißler
Authors
- Karsten Geißler
Publication Details
- Journal
- Stahlbau
- Published
- 2026-02-01
- DOI
- https://doi.org/10.1002/stab.70099
- Primary Topic
- Real estate and construction management
- Type
- article
- Field-Weighted Citation Impact
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