Der „deutsche Geist“ als epochenübergreifende Denkfigur. Friedrich Meinecke zwischen spätem Kaiserreich und früher Bundesrepublik

Zusammenfassung Friedrich Meinecke, einer der führenden deutschen Historiker des ausgehenden 19. und 20. Jahrhunderts, hat sein gesamtes Forscherleben ganz wesentlich der Frage und der Suche nach dem „deutschen Geist“ und dem deutschen Wesen gewidmet. Sein wissenschaftliches Œuvre wurde bislang jedoch noch nicht konsistent unter dieser Perspektive analysiert, die alle seine Arbeiten seit „Weltbürgertum und Nationalstaat“ (1907) durchzieht und zugleich verbindet. Der folgende Beitrag unternimmt diesen Versuch und geht dabei der Frage nach, ob und inwieweit Meinecke seine vor allem aus der deutschen Geschichte abgeleitete Definition des „deutschen Geistes“ über alle politischen Systemwechsel hinweg – vom wilhelminischen Kaiserreich über die Weimarer Republik und den Nationalsozialismus bis in die Gründungsphase der Bundesrepublik – beibehalten oder der jeweils veränderten politischen Situation angepasst hatte und wenn ja, auf welche Weise und warum. Die ideengeschichtliche Analyse der Hauptwerke und einschlägiger Briefe Meineckes lässt eine starke Kontinuität in seinem Denken hervortreten. Bei allem Festhalten am „deutschen Geist“ musste er die einst eruierten Merkmale – Individuum, Staat, Nation und Preußen – immer wieder verändern bzw. abschneiden, so dass am Ende nur noch der Individualitätsgedanke als einziges Merkmal übrig blieb. Der „deutsche Geist“ war damit auch bei Meinecke zu einer beliebigen Größe geworden. Der Aufsatz problematisiert am Beispiel des Berliner Historikers die politischen Implikationen und Defizite dieser idealistischen deutschen Identitätssuche vom späten Kaiserreich bis zur frühen Bundesrepublik und führt damit zugleich ins Zentrum des Spannungsverhältnisses von Wissenschaft und Politik.

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Journal
Historische Zeitschrift
Published
2026-02-01
DOI
https://doi.org/10.1515/hzhz-2026-0003
Primary Topic
Philosophy and Historical Thought
Type
article
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Der „deutsche Geist“ als epochenübergreifende Denkfigur. Friedrich Meinecke zwischen spätem Kaiserreich und früher Bundesrepublik

Klaus Ries
Historische Zeitschrift
Philosophy and Historical Thought
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Der „deutsche Geist“ als epochenübergreifende Denkfigur. Friedrich Meinecke zwischen spätem Kaiserreich und früher Bundesrepublik

Klaus Ries
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Abstract

Zusammenfassung Friedrich Meinecke, einer der führenden deutschen Historiker des ausgehenden 19. und 20. Jahrhunderts, hat sein gesamtes Forscherleben ganz wesentlich der Frage und der Suche nach dem „deutschen Geist“ und dem deutschen Wesen gewidmet. Sein wissenschaftliches Œuvre wurde bislang jedoch noch nicht konsistent unter dieser Perspektive analysiert, die alle seine Arbeiten seit „Weltbürgertum und Nationalstaat“ (1907) durchzieht und zugleich verbindet. Der folgende Beitrag unternimmt diesen Versuch und geht dabei der Frage nach, ob und inwieweit Meinecke seine vor allem aus der deutschen Geschichte abgeleitete Definition des „deutschen Geistes“ über alle politischen Systemwechsel hinweg – vom wilhelminischen Kaiserreich über die Weimarer Republik und den Nationalsozialismus bis in die Gründungsphase der Bundesrepublik – beibehalten oder der jeweils veränderten politischen Situation angepasst hatte und wenn ja, auf welche Weise und warum. Die ideengeschichtliche Analyse der Hauptwerke und einschlägiger Briefe Meineckes lässt eine starke Kontinuität in seinem Denken hervortreten. Bei allem Festhalten am „deutschen Geist“ musste er die einst eruierten Merkmale – Individuum, Staat, Nation und Preußen – immer wieder verändern bzw. abschneiden, so dass am Ende nur noch der Individualitätsgedanke als einziges Merkmal übrig blieb. Der „deutsche Geist“ war damit auch bei Meinecke zu einer beliebigen Größe geworden. Der Aufsatz problematisiert am Beispiel des Berliner Historikers die politischen Implikationen und Defizite dieser idealistischen deutschen Identitätssuche vom späten Kaiserreich bis zur frühen Bundesrepublik und führt damit zugleich ins Zentrum des Spannungsverhältnisses von Wissenschaft und Politik.

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