Völkermord vor Gericht – Wie internationale Urteile den Genozid entschlüsseln

Zusammenfassung Der Völkermord hat trotz seiner tiefgreifenden Auswirkungen bislang die Kriminologie nur unzureichend beschäftigt und stellt ein Forschungsdesiderat dar. Um dieses Defizit aufzuarbeiten, wurde untersucht, ob und welche Informationen internationale Urteile zu Genoziden liefern. Der Beitrag untersucht folglich, welche Handlungsmuster und Erklärungen in drei wegweisenden Urteilen zum Völkermord erkennbar sind. Die Ergebnisse zeigen, dass in allen Fällen vor und während der Gewalttaten eine gezielte Entmenschlichung der Opfer stattfand, kombiniert mit einer konstruierten Bedrohungsassoziation, die Taten in Regimen ohne wirksame Kontrollinstanzen begangen wurden und dass der Genozid koordiniert-arbeitsteilig organisiert war. Diese Befunde verdeutlichen, dass Genozide auf mehreren Ursachen beruhen und systematisch ablaufen. Der Beitrag diskutiert die Aussagekraft und Grenzen juristischer Urteilsdokumente als Datenquelle der Genozidforschung und plädiert dafür, dass gerichtliche Urteilstexte eine fundierte Grundlage bieten kann, um den Genozid als komplexes Phänomen besser zu verstehen. Damit trägt die Arbeit zu einem vertieften phänomenologischen Verständnis des Völkermords bei und skizziert neue konzeptionelle Perspektiven.

Authors

Institutions

Publication Details

Journal
Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform
Published
2026-01-05
DOI
https://doi.org/10.1515/mks-2025-0044
Primary Topic
International Law and Human Rights
Type
article
Field-Weighted Citation Impact
0.00
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article

Völkermord vor Gericht – Wie internationale Urteile den Genozid entschlüsseln

Fatih Kolkilic
Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform
International Law and Human Rights
article

Völkermord vor Gericht – Wie internationale Urteile den Genozid entschlüsseln

Fatih Kolkilic
article en

Abstract

Zusammenfassung Der Völkermord hat trotz seiner tiefgreifenden Auswirkungen bislang die Kriminologie nur unzureichend beschäftigt und stellt ein Forschungsdesiderat dar. Um dieses Defizit aufzuarbeiten, wurde untersucht, ob und welche Informationen internationale Urteile zu Genoziden liefern. Der Beitrag untersucht folglich, welche Handlungsmuster und Erklärungen in drei wegweisenden Urteilen zum Völkermord erkennbar sind. Die Ergebnisse zeigen, dass in allen Fällen vor und während der Gewalttaten eine gezielte Entmenschlichung der Opfer stattfand, kombiniert mit einer konstruierten Bedrohungsassoziation, die Taten in Regimen ohne wirksame Kontrollinstanzen begangen wurden und dass der Genozid koordiniert-arbeitsteilig organisiert war. Diese Befunde verdeutlichen, dass Genozide auf mehreren Ursachen beruhen und systematisch ablaufen. Der Beitrag diskutiert die Aussagekraft und Grenzen juristischer Urteilsdokumente als Datenquelle der Genozidforschung und plädiert dafür, dass gerichtliche Urteilstexte eine fundierte Grundlage bieten kann, um den Genozid als komplexes Phänomen besser zu verstehen. Damit trägt die Arbeit zu einem vertieften phänomenologischen Verständnis des Völkermords bei und skizziert neue konzeptionelle Perspektiven.

Monatsschrift für Kriminologie und StrafrechtsreformVol. 109(1)
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