„Vom Siegen ruhn“ oder Die Erfindung der revolutionären Schweiz von 1847/48
Zusammenfassung Für gewöhnlich wird der Schweizer Sonderbundskrieg im November 1847 und der im Folgejahr daraus entstandene Schweizer Bundesstaat als erster Funken des „europäischen Völkerfrühlings“ von 1848/49 bzw. die Schweiz als einziges Land, in dem die Revolution erfolgreich war, betrachtet. Insbesondere seit den 1990er Jahren hat sich in der Schweizer Historiographie das Narrativ einer „Schweizer Revolution“ von 1847/48 eingebürgert. Der vorliegende Artikel hinterfragt diese Erzählung auf vielfältige Weise und mit Verweis auf zahlreiche historiographische Werke: Weder die liberalen Sieger in der Schweiz noch die Schweizer Geschichtsschreibung seit der Mitte des 19. Jahrhunderts und bis zum Ende des Kalten Krieges bekannten sich zu einer solchen Revolution. Auch die Neuerungen hinsichtlich der Freiheitsrechte genügt dem Verständnis von Revolution im Sinne Hannah Arendts nicht. Etwa die verpassten Chancen, die Jüdinnen und Juden durch die Bundesverfassung von 1848 zu emanzipieren, oder die Ausweisung deutscher Revolutionäre im Sommer 1849 sprechen gegen eine revolutionäre Auslegung jener Epoche der Schweizer Geschichte. Eine solche ist vielmehr in den 1990er Jahren als Erfindung durch die Schweizer Historiker:innenschaft zu verorten, als Kompensationsleistung vor dem Hintergrund zahlreicher Identitätskrisen („Fichenaffäre“, EWR-Nein an der Urne, Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg) zu erklären und als Annäherung an eine (pro-)europäische und fortschrittliche Meistererzählung zu lesen.
Authors
- Moisés Prieto
Institutions
- Berlin Heart (Germany) (DE)
Publication Details
- Journal
- Historische Zeitschrift
- Published
- 2025-12-01
- DOI
- https://doi.org/10.1515/hzhz-2025-0032
- Primary Topic
- Memory, History, Trauma, Identity
- Type
- article
- Field-Weighted Citation Impact
- 0.00