Schmerz infolge einer Autoimmunerkrankung: Lehrbuchwissen spiegelt nicht das tatsächliche Empfinden des Patienten wider
Schmerzen gehören zu den am häufigsten beklagten Symptomen bei Arztbesuchen und stellen auch bei Patienten mit Autoimmunerkrankungen oft eine Herausforderung dar. Schmerzen verursachen einen hohen Leidensdruck und können die Lebensqualität stark einschränken, oft sogar stärker als die typischen Organsymptome der Autoimmunerkrankungen, wie z.B. Paresen bei Immunneuropathien oder Diarrhöen bei entzündlichen Darmerkrankungen. Die Herausforderung in der Behandlung von chronischen Schmerzen liegt in mehreren Bereichen: Schmerzen sind ein subjektiver Sinneseindruck und selbst mit Fragebögen oft schwer mess- und quantifizierbar, was die Bewertung des Therapieansprechens erschwert. Außerdem korrelieren sie bei Autoimmunerkrankungen nicht unbedingt mit der Krankheitsaktivität und sprechen dementsprechend nicht immer auf eine Immuntherapie an, häufig auch nicht gut auf eine symptomatische Behandlung [1]. Eine dauerhafte Einnahme von Schmerzmitteln und gegen neuropathische Schmerzen gerichteten Medikamenten führt häufig zu Nebenwirkungen, und insbesondere bei neuropathischen Schmerzen tritt auch unter Therapie meist nur eine Linderung, nicht jedoch Schmerzfreiheit auf.Während akuter Schmerz bei Entzündungsreaktionen eine wichtige Warnfunktion hat, treten chronische Schmerzen oft unabhängig von der Aktivität der auslösenden Autoimmunerkrankung auf und lassen sich durch periphere und zentrale Sensibilisierung erklären [2]. Nicht zu vernachlässigen ist auch die psychosoziale Komponente von chronischen Schmerzen: So verstärken Stress, Angst und Depression, die als Reaktion auf eine chronische Erkrankung auftreten können, die Schmerzsymptomatik über die Aktivierung des autonomen Nervensystems [3].Im Gegensatz zur vaskulitischen Neuropathie, bei der neuropathische Schmerzen häufig auftreten, wird die chronisch-inflammatorische demyelinisierende Polyradikuloneuropathie (CIDP) oft als reine Large-Fiber-Neuropathie eingeordnet, die die kleinen schmerzleitenden Nervenfasern nicht betrifft. Diese Ansicht spiegelt nicht die Realität wider, denn je nach Studie berichten etwa 50% der Patienten über neuropathische Schmerzen [4]. Auch bei den autoimmunen Nodopathien, einer durch Autoantikörper gegen die Ranvier’schen Schnürringe vermittelten Form der Immunneuropathie, sind neuropathische Schmerzen ein häufiges Symptom, zusätzlich zur schweren sensomotorischen Polyneuropathie. Während bei der CIDP die Inflammation mit den Schmerzen in Zusammenhang stehen könnte, ist dies bei durch Immunglobulin-G4 (IgG4)-Autoantikörper vermittelten Neuropathien wenig plausibel, da IgG4-Autoantikörper typischerweise nicht zu einer Entzündungsreaktion führen. Eine Erklärung hingegen könnte die direkte Autoantikörperbindung an nozizeptive Neurone sein, wie dies bei Anti-Caspr2-Autoantikörpern der Fall ist, einer Erkrankung, die neben einer Autoimmunenzephalitis oft auch mit neuropathischen Schmerzen einhergeht. Des Weiteren können auch Immunkomplexe über Fcγ-Rezeptoren an nozizeptive Neurone binden und möglicherweise die Schmerzschwelle senken [5]. Um in der Zukunft chronische Schmerzen bei Autoimmunerkrankungen besser und zielgerichteter behandeln zu können, sind noch bessere Kenntnisse über die zugrunde liegenden Pathomechanismen notwendig und sind Gegenstand der Forschung. Einen Einblick in aktuelle Ergebnisse der Forschung und die Umsetzung in die klinische Anwendung geben die Beiträge der vorliegenden Ausgabe.
Authors
- Kathrin Doppler
Institutions
- Universitätsklinikum Würzburg (DE)
Publication Details
- Journal
- Kompass Autoimmun
- Published
- 2025-10-24
- DOI
- https://doi.org/10.1159/000548569
- Primary Topic
- Urticaria and Related Conditions
- Type
- article
- Field-Weighted Citation Impact
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